Auch, wenn es mitunter kolportiert wird, befindet sich die globale Superyacht-Industrie nicht in einer Krise, sondern in einer Phase der Normalisierung. Das aktuelle Global Order Book 2026 von BOAT International zeigt klar: Der Markt ist strukturell deutlich stärker als vor der Pandemie.

Ende 2025 befanden sich weltweit 1.093 Superyachten über 24 Meter im Bau oder fest im Auftrag. Das entspricht einem Rückgang von 3,95 Prozent gegenüber dem Vorjahr und rund neun Prozent gegenüber dem Allzeithoch von 1.203 Projekten im Jahr 2023. Was auf den ersten Blick nach einer Abschwächung klingt, ist in Wahrheit eine Rückkehr zu einem gesunden Gleichgewicht nach einem historisch einmaligen Boom.

Entscheidend ist: Das heutige Produktionsniveau liegt weiterhin deutlich über dem Vor-Covid-Niveau, als sich der Markt meist zwischen 750 und 820 Yachten pro Jahr bewegte. Nicht wenige Branchenbeobachter gehen davon aus, dass sich die Neubauzahlen in den kommenden Jahren bei 950 bis 1.000 Einheiten jährlich einpendeln werden – ein klares Zeichen dafür, dass die Pandemie den Markt dauerhaft auf ein neues Niveau gehoben hat.

Größer, schwerer, anspruchsvoller

Während die Zahl der Yachten sinkt, steigt deren Größe und Volumen weiter an. Die gesamte Bruttoraumzahl (GT) ist um rund vier Prozent auf über 602.000 GT gestiegen. Die durchschnittliche Länge beträgt inzwischen 40,80 Meter, die durchschnittliche Tonnage 551 GT – ein Plus von fast neun Prozent innerhalb eines Jahres.

Besonders aufschlussreich ist der Blick auf den regulatorischen Grenzbereich: Von den 932 Yachten unter 500 GT zielen 156 Projekte bewusst auf exakt 499 GT ab. Das verdeutlicht, wie eng Design, Technik und Regulatorik heute miteinander verzahnt sind.
Am oberen Ende des Marktes setzt sich der Trend ungebremst fort. 67 Superyachten über 76 Meter befinden sich aktuell im Bau oder in der Planung, darunter 26 Projekte jenseits der 100-Meter-Marke. Diese Giganten allein stehen für mehr als ein Viertel der gesamten Bruttoraumzahl im globalen Order Book – ein eindrucksvoller Beleg für die anhaltende Nachfrage nach großen und technisch extrem anspruchsvollen Yachten.

Italien dominiert – doch die Welt baut mit

Italien bleibt das unangefochtene Zentrum des globalen Superyacht-Baus. Rund 50 Prozent der weltweiten Produktion entfallen auf italienische Werften, mit 568 Projekten und einer Gesamtlänge von über 22.000 Metern. Die Stärke Italiens liegt in seiner einzigartigen Bandbreite – von hochvolumigen Semi-Custom-Anbietern bis hin zu führenden Full-Custom-Werften.

Auf Platz zwei folgt die Türkei, die in den vergangenen Jahren ein enormes Wachstum verzeichnet hat. Steigende Inflation und wirtschaftlicher Druck zeigen jedoch erste Spuren. Auffällig ist der hohe Anteil spekulativer Projekte: Über 40 Prozent der türkischen Yachten werden ohne festen Käufer begonnen – eine Strategie, die schnelle Verfügbarkeit verspricht, aber auch Risiken birgt.

Die Niederlande behaupten ihren dritten Platz mit bemerkenswerter Stabilität. Zwar werden dort weniger Yachten gebaut, doch die durchschnittliche GT pro Projekt ist um 15 Prozent gestiegen, getragen von mehreren sehr großen Full-Custom-Projekten. Der niederländische Markt steht weiterhin für kompromisslose Qualität und technologische Exzellenz.

Außerhalb Europas gewinnen Taiwan, die VAE, Polen und Frankreich an Bedeutung. Frankreich profitiert insbesondere von neuen großen Multihull-Projekten. Insgesamt sind weltweit 190 aktive Superyacht-Werften tätig – fünf mehr als im Vorjahr.

Custom, Semi-Custom und das Spiel mit der Spekulation

Das Kräfteverhältnis zwischen Full-Custom- und Semi-Custom-Yachten verschiebt sich erneut. Zwar dominieren Semi-Custom-Serien weiterhin zahlenmäßig, im oberen Marktsegment erleben maßgeschneiderte Einzelprojekte indes eine klare Renaissance. Eigner investieren wieder bewusst Zeit und Kapital in individuelle Konzepte, die Lebensstil, Nutzung und Nachhaltigkeit widerspiegeln.
Der Anteil spekulativer Neubauten ist leicht auf 31,8 Prozent gestiegen. Damit bleibt er deutlich unter dem Vor-Pandemie-Niveau, signalisiert jedoch einen vorsichtigen Optimismus der Werften, ihre Produktionslinien auszulasten.

Kritischer ist der Blick auf die Zahl der „On-hold“-Projekte, die sich innerhalb eines Jahres auf 71 Yachten verdoppelt hat. Auch wenn dies nur einen kleinen Teil des Gesamtmarktes ausmacht, zeigt es die zunehmende Sensibilität gegenüber Finanzierungskosten, geopolitischen Risiken und Marktunsicherheit – insbesondere in Ländern mit hohem Spec-Anteil.

Wirtschaftlicher Gegenwind – und bemerkenswerte Robustheit

Makroökonomisch bleibt das Umfeld anspruchsvoll: moderate Wachstumsraten, anhaltende Inflation, höhere Zinsen und US-Zölle auf importierte Yachten und Komponenten erhöhen den Kostendruck für Werften und Käufer. Gleichzeitig wirken steuerliche Anreize – etwa die 100-prozentige Bonusabschreibung für kommerziell genutzte Yachten in den USA – als klarer Impulsgeber für Neubauten und Chartermodelle.
Gerade im Segment oberhalb von 40 Metern zeigt sich die Nachfrage weiterhin vergleichsweise preisunelastisch. Für diese Käufergruppe stehen Autonomie, Erlebniswert und langfristige Qualität klar über kurzfristigen wirtschaftlichen Schwankungen.

Ausblick: Qualität vor Quantität

Der Global Order Book 2026 zeichnet das Bild eines Marktes mit ruhiger Zuversicht. Die Branche richtet sich neu aus: weniger Yachten, dafür größer, komplexer und anspruchsvoller. Werften investieren in größere Hallen, neue Standorte und fortschrittliche Fertigungstechnologien. Designer und Ingenieure reagieren mit effizienteren Rümpfen, Hybridantrieben und Layouts, die Wellness, Exploration und Langstreckenfähigkeit in den Fokus rücken. Käufer wiederum vergleichen Neubauten zunehmend mit jungen Brokerage-Yachten – ein zusätzlicher Wettbewerbsfaktor.